postkartenserie mit e-titeln
neuerscheinungen im verlag
in erinnerung an tejo
walter scherfs schönste bücher
ein schiff im postkasten
den e kostenlos probelesen

Fahrtbewegung

2. eisbrecher forum auf Burg Ludwigstein

Das forum ist vorüber. Ein Wochenende wie es herbstlicher, anregender und hoffentlich für alle Teilnehmer interessanter nicht sein konnte. An dieser Stelle stellen wir ausgewählte Ergebnisse und Erlebnisse des forums noch einmal vor.

Ein Ergebnis des Forums:
Eineinhalb Minuten sehen, was zu sehen war.
Quicktime-Video (12,6 MB)

Der kleinste gemeinsame Nenner aller bündischen Gruppen ist die Fahrt. Denn in dem, was mit diesem Begriff so bescheiden und beinahe sachlich umschrieben wird, verbirgt sich weit mehr als nur eine Form des bloßen Unterwegsseins. Fahrt als bündisches Phänomenen war der Ausgangspunkt des eisbrecher forums auf Burg Ludwigstein. Zusammen mit unseren Lesern und ihren Gruppen wurde ein Wochenende lang erkundet, was vor, während und nach Fahrten im bündischen Alltag passiert.


feuerball
speerspiel
poetry-slam
nachtkubbspielturnier
log-box
endlosgeschichte
wandergäste
hiphop der kosaken
baumklettern
fotoausstellung
lesereisen
gesang
nebel
islandexpedition
burgspiel
kleiner meißner
schreibaktion
lichterspur
teezeremonie


Anfahrtswege

zum eisbrecher forum

Kühle Nacht. Gestern vom Meißner noch spät runter und irgendwo am Ortseingang ohne Zelt aufgewacht. Oktober, seit einer Woche keinen Regen, wir sind das Laufen wieder gewohnt. Im Schlafsack noch im Schatten und Tau. Die Sonne lockt schon auf den Heuballen nicht weit von uns. Frühstück. Wir einigen uns, trocken Brot zu verschieben. Dudenrode hat bestimmt einen Bäcker. Nein, richtig, …mal früher vielleicht gehabt. Die fahrende Brötchenschleuder haben wir um Minuten verpasst. Mit leerem Magen und Hoffnung auf Erfolg in Hilgershausen wandern wir weiter.

Auch in diesem Nestchen nix zu machen ist. Pflanzen wir uns gegenüber den Friedhof, auf dem Poncho teilen wir die letzten Brocken und lehnen uns an die Rucksäcke. Die Sonne macht warm. Das brauchen die klammen Knochen und der leere Magen. Es herbstelt stark um uns, mit bunten Bäumen, eine alte Frau in ebenso farbfrohem Arbeitskittel auf dem Weg zum Friedhof. Sie ist guter Dinge!

Wir entscheiden uns für den Weg durchs Riedbachtal. Erst ein paar wild wechselnde wilde Wildschweine und kurz vor Oberrieden so ziemlich auf der Höhe des Krückstockmuseums… da hält der fahrende Bäcker. Er nötigt uns: „Nimm! Komm noch eins! Jungs! Also mindestens zwei!“ Das Café in Oberrieden hat geschlossen. Wir besetzen zu seinem betriebswirtschaftlichen Schaden dennoch die Plastegarnitur an der Straße und drücken die Teilchen in unsere vollen Bäuche durch trockenen Kehlen. Einkaufen geht hier auch erst wieder um drei. Es ist erst eins. Wir verschieben alle Besorgungen auf irgendwann.

Ludwigstein. Das letzte Stück wandern, das eisbrecher forum, endlich ankommen, der sonnige Tag. Wir lassen uns einfach bergauf treiben. Wir reden weiter, wo wir aufgehört hatten, singen, sind albern. Und bei der allzu blümeranten Romantik: Bei derart geilem Wetter im Herbst und draußen ist man immer guter Dinge.

Auf der Burg sind noch keine eisbrecher. Wir gehen auf Erkundungstour. Wir entdecken B5 in der Jubi, melden uns an und bekommen einen dicken Sack Kartoffeln geschenkt. Echt Bio. Toll! Nicht noch mal los einkaufen. Noch toller! Kohte mal im Hellen aufbauen, Müßiggang, auf der Wiese liegen, rumstreunern. In Begleitung der Dämmerung kommen die meisten, mit der Dunkelheit die letzten. Wir wuseln. „Seitenbahnen? Hat noch jemand Seitenbahnen? Stangen? Wo sind noch Tampen?“ Noch nicht aufeinander eingespielt. Man erkennt in der Nacht auch keine Gesichter, nur Jujas und dunkle Köpfe. Es ist trotzdem ein seltsames Hand in Hand. Ich fühle mich vertraut mit Leuten, die ich nicht kenne, die anders sind, anders Zelte aufbauen und die sich, so denke ich gerade, genau wie ich fühlen. Mit allen zusammen sitze ich irgendwann spät in der großen Ovaljurte und esse. Abtasten und angucken – kenn ich jemanden? Kaum, und eine wirkliche U30-Auswahl, die sich hier versammelt hat. So richtig Erwachsene sind hier keine. Und auch keine überbündisch sagenumwobenen Bündischen. Normale Gruppen, vorsichtig neugierig.

Die knalle Sonne und der blaue Himmel lassen sich auch am nächsten Tag nicht vermissen. Die Nacht war klar und kalt. Wir bilden Arbeitskreise und spielen, besprechen Lieder, formeln herum auf dem Meißner, klettern fotografieren, was weiß der Bäcker noch alles, dann Suppe kochen, noch mehr spielen, singen, vorlesen im Turm und Zelt, Bilderhörspielen im Gewölbekeller, Lichterlauf. Abends stellen die Gruppen ihre Arbeiten am Feuer vor. Schon wieder singen. Ich erliege dem Lagerzauber am Sonntag noch als ich allein in Elze Bahnhof auf meinem Affen sitze und Gitarre spiele. Erst gegen Montag auf der Arbeit ebbt alles ab, hinterlässt aber einen dieser geschmackvollen und aufputschenden Gedankenbonbons, die es sich lohnt beizeiten zu lutschen. Und wo ein solcher Schmackofatz herkommt, müssen noch viele liegen. Es war einer der schönsten des letzten Jahres.


das 2. eisbrecher forum fand vom 07. bis 09. oktober 2005 auf burg ludwigstein statt. wir sehen uns in zukunft wieder.